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Mi, 15. Oktober 2014

Das Prinzip Hoffnung – Lebenswirklichkeiten zweier Flüchtlinge

Marjan Amiri (19) und Kurt Nelhiebel (84) im Gespräch

Unter dem Integrationswochen-Motto „Lebenswirklichkeiten“ lud der Bremer Rat für Integration (BRI) am Dienstag, 14. Oktober, zur Veranstaltung „Tagebuchaufzeichnungen eines Flüchtlings“ ein. „Hier wollen wir der Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen heute und damals nachgehen“, erklärt die Moderatorin und Vorsitzende des BRI, Libuse Cerna. „Wie viel wissen wir über die Lebenswirklichkeit der Zugewanderten? Und was hat sich für die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen im Laufe der Jahre geändert?“ Um diesem Thema auf die Spur zu kommen, waren zwei Gesprächspartner geladen: der 84-jährige Kurt Nelhiebel*, der 1946 als Vertriebener aus dem Sudetenland nach Deutschland kam und die 19-jährige Marjan Amiri, die vor drei Jahren allein, als sogenannter UMF (Unbegleiteter minderjähriger Flüchtling), hier in Bremen ankam.

Alles hinter sich lassen

„Damals, 1946, fand ich ein Deutschland vor, das am Boden lag“, erinnert sich Kurt Nelhiebel, „es gab Arbeit in Hülle und Fülle.“ Heute dagegen ginge es Deutschland gut, doch dafür sei Arbeit Mangelware. Der Mensch sei weniger als Arbeitskraft, denn als Konsument gefragt. „Die heutigen Flüchtlinge haben eine ungewisse Zukunft in Deutschland“, resümiert Nelhiebel.
Doch Marjan Amiri kann und will das nicht ganz glauben. Sie flüchtete mit erst 15 Jahren nach Europa, weil in ihrem Land Frauen keinerlei Rechte haben und nur fremdbestimmt leben können. Zwei Monate ist der Teenager unterwegs, allein.

Zwei Flüchtlinge, wie sie
unterschiedlicher kaum sein könnten, …
Zwei Flüchtlinge, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, miteinander im Gespräch (v.l.): Kurt Nelhiebel (aus dem Sudentenland), Moderatorin Libuse Cerna, Marjan Amiri (aus Afghanistan)

„Was es bedeutet, alles hinter sich lassen zu müssen, kann niemand verstehen, der es nicht selbst erlebt hat“, sagt Kurt Nelhiebel. In seinen Tagebuchaufzeichnungen schildert er die letzten intensiv und bewusst wahrgenommenen Tage in seiner Heimat, bevor er gemeinsam mit 1200 anderen Menschen in einem Viehwaggon sein Land verlässt.
„Ja, das hat mich auch sehr gequält“, pflichtet Marjan Amiri ihm bei. „Ich wusste die ganze Zeit nicht, ob ich das Richtige tue. Dazu kam, dass alles, was ich auf der Flucht tat, illegal war“, erinnert sich die Schülerin. „Ich konnte jederzeit auffliegen und ich wusste nie, ob ich den nächsten Tag erlebe und ob ich überhaupt jemals in Europa ankomme.“ Doch sie habe es tun müssen, weil sie in ihrem Land, in Afghanistan keine Zukunft für sich sehe. „Ich möchte nicht verheiratet werden, wie meine Schwestern, und von da an unmündig sein. Ich möchte zur Schule gehen und studieren, Ingenieurwissenschaften oder Jura.“ Die junge Frau ist mutig und tapfer und schafft es bis nach Deutschland. Als sie in Bremen ankommt, findet sie hier eine Pflegefamilie, die sie aufnimmt. „Ich freue mich, bei ihnen leben zu können. Ich habe wirklich viel Glück gehabt.“

Die Sehnsucht bleibt

„Und dann das Heimweh! Es hat mich schier zerissen“, erinnert sich der 84-Jährige, der damals mit 19 Jahren Mutter, Großmutter und die Schwester zurücklassen musste. „Dieses Heimweh nach der Landschaft, Freunden und Familie war für mich damals das Schlimmste. Es war wie eine Krankheit.“ Auch die 19-Jährige hat schwer damit zu kämpfen: „Ich weiß oft nicht, wie es meiner Familie geht. Ich kann sie nur zwei- bis dreimal im Monat anrufen. Es ist so teuer. Außerdem beschäftigen und belasten mich die schlechten Nachrichten. Die Situation im Land hat sich noch verschlechtert, seit ich gegangen bin.“

Das Prinzip Hoffnung

Für die nahe Zukunft wünscht sich die 19-jährige Schülerin vor allem eines: Sie möchte ihr Abitur machen. Auch wenn es manchmal schwer für sie ist. „Früher war ich die Beste in der Klasse. Heute sind meine Mitschüler zwei Jahre jünger als ich und es ist für mich nicht leicht, mit ihnen in Kontakt zu kommen.“ Und obwohl sie in den drei Jahren gut Deutsch gelernt hat, ist die Sprache noch immer eine Hürde: „Im Unterricht geht es schnell voran und ich muss nebenher viel im Wörterbuch nachschlagen. Während meine Mitschüler für einen Arbeitsbogen 10 Minuten brauchen, brauche ich 30.“ Dazu komme die Belastung durch viel Bürokratie, etwa mit der Ausländerbehörde.
Hier in Bremen lebt die 19-Jährige Schülerin bislang ohne Duldung oder Aufenthaltsrecht, doch ihr Asylantrag läuft. „Ich weiß nicht, wie mein Verfahren ausgeht, ich weiß nicht, ob ich studieren kann und ob ich BAföG bekomme, aber ich werde dafür kämpfen!“


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