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Do, 13. November 2014

Der Geruch von Wassermelonen ...

Gespräch mit der Berliner Künstlerin beate maria wörz über „Heimat“

Die Berliner Künstlerin beate maria wörz spürt in ihrem konzeptionellen Kunstprojekt „heimat 4d“, das noch bis zum 20. November an drei Ausstellungsorten in Bremen zu sehen ist, verschiedenen Aspekten und Dimensionen von Heimat nach. Wie steht sie selbst zu dem Thema? Und was sagen die Bremerinnen und Bremer?

„Für mich ist ‚Heimat’ ein schwieriger Begriff“, sinniert beate maria wörz. „Zu Beginn meines Kunstprojekts hätte ich dieses Wort am liebsten in doppelte Anführungsstriche gesetzt. Denn da schwingt immer noch die ideologische Aufladung der Nationalsozialisten mit“, erklärt die 50-Jährige.
Dennoch, oder gerade deshalb, beschäftigt die in Laupheim in Baden-Württemberg geborene Künstlerin das Thema schon viele Jahre lang: „So etwas wie ‚Heimat’ habe ich nie für mich in Anspruch genommen“, sagt sie. „Laupheim beispielsweise ist für mich nicht „Heimat“, sondern schlicht mein Herkunftsort.“ Dann fährt die Wahl-Berlinerin 1999 zu einem Künstlersymposium nach Schrattenberg in Österreich. Dort macht sie eine Entdeckung: „Durch das Tor einer alten Meierei schaute man in eine Landschaft – auf eine Wiese mit Bäumen, dahinter ein Berg. Dieses Bild löste in mir unerwartet ein Gefühl der Geborgenheit aus. Ich fühlte mich tatsächlich in diesem Blick beheimatet“, erzählt sie. Zeitgleich hört sie damals im Radio Berichte über den Krieg im damaligen Jugoslawien. „Ich empfand eine große Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des eigenen Momentes, einem unerwarteten Finden von Vertrautheit und Wohlsein am unbekannten und daher unerwarteten Ort und der Tatsache, dass an anderen Orten so viele Menschen gerade ihre ‘Heimat’ durch Gewalt und Bürgerkrieg verloren.“

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Schrattenberg in Österreich. Durch das Tor einer alten Meierei schaut man in eine Landschaft.

Zur Erinnerung bannt sie „ihren Blick“ auf zahlreiche Fotos. Im Oktober diesen Jahres lud er auf der Einladungskarte zu ihrer Ausstellung „heimat 4d“ die Besucher ein, sich auf dieses vielschichtige Thema einzulassen. Ihre Konzeptidee: Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen verschiedener Stadtteile miteinander zu verbinden und in Kontakt zu bringen. Auf der so genannten „Kulturmeile“, zwischen Innenstadt und Steintorviertel, präsentiert sie im Pavillon des Gerhard-Marcks-Hauses eine Video-Installation zum Thema. In Gröpelingen zeigt sie in der Galerie Roter Hahn eine Rauminstallation, deren begehbare, schiefe Ebenen im Zuschnitt an ein Flüchtlingsboot erinnern, womit wörz thematisch an die aktuelle Flüchtlingsthematik anknüpft. An einem dritten Ausstellungsort, der Stadtteilbibliothek in Gröpelingen, ist unter anderem eine Sprach-Klang-Collage zu hören. Dafür hat die Künstlerin entlang und in den Straßenbahnlinien 2 und 3, die die drei Ausstellungsorte miteinander verbinden, mehr als 70 Menschen befragt, was für sie Heimat ist:
„… für mich da, wo ich mich auskenne.“ (Claudia, 42 J.) „…der Wassermelonengeruch auf den Märkten der kleinen Stadt, in der ich geboren wurde…“ (Sana, 22 J.) „…für mich, wenn ich barszcz cerwony“ (Rote-Beete-Suppe) trinke.“ (Joanna, Mitte 30) “Heimat ist für mich auch Freiheit in der Sprache, ich kann alles lesen und verstehen, mich mit Leuten unterhalten…” (Joana Mitte 30)

Rauminstallation in der Galerie
Rauminstallation in der Galerie “Roter Hahn” in Gröpelingen

Und was bedeutet der Zusatz 4d? „Drei Dimensionen, also 3D, beschreiben den Raum. 4D beschreibt für mich eine unspezifische vierte Dimension. Etwas, das über das Räumliche hinausgeht“, so wörz. Nach dem Projekt steht sie dem Begriff „Heimat“ etwas entspannter gegenüber: „Ich habe gesehen, dass für viele Menschen, egal welchen Alters, ob sie her geboren sind oder woanders, ‚Heimat’’ nicht unbedingt etwas Territoriales, Nationales oder gar Nationalistisches ist. Für ganz viele ist es etwas Abstraktes, eine bestimmte Stimmung oder Handlung, eine Landschaft, ein Gericht oder sogar etwas so flüchtiges wie ein Geruch.“

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