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Mo, 24. November 2014

Von der Abschaffung des Punks in Helsinki

Jaroslav Rudis liest im Foyer des Kleinen Hauses

Am Abend zuvor rockte er das Foyer des Bremer Schauspielhauses zusammen mit der Kafka Band. Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudis rezitierte zu Musik und comicartigen Bildern und Animationsfilmen Textpassagen aus Kafkas unvollendetem Roman „Das Schloss“. Zum dritten Mal ist der 42-Jährige auf Einladung des Bremer Literaturfestivals globale° in Bremen. Einen Tag später steht er schon wieder auf der Bühne, wieder im Foyer des Kleinen Hauses. Diesmal in eigener Sache. „Von der Abschaffung des Punks in Helsinki“ heißt sein vierter Roman, der in diesem Jahr ins Deutsche übersetzt wurde. „Ich knüpfe hier an die große tschechische Tradition der Kneipenromane an“, schmunzelt Rudis. „Selbst bei Kafka geht es nicht ohne Kneipe. Bei uns setzt man sich in eine Bar und erzählt sich Geschichten. Einer schreibt sie dann auf und verkauft sie als Literatur.“
Auch das „Helsinki“ ist eine Bar in einer namenlosen (ost)deutschen Großstadt nahe der tschechischen Grenze. Der melancholische Wirt, Ole, war früher Punk. Heute ist er 40, in der Midlifecrisis und hat eine 17-jährige Tochter, die er nur selten sieht. Außer der Bar, ein paar Freunden und seinen Erinnerungen ist ihm wenig geblieben. Ole hat sich in seiner Einsamkeit eingerichtet. Doch um ihn herum verändert sich die Welt. Seine Stadt wird laut, hektisch und schonungslos saniert. Das „Helsinki“ ist ein letzter Zufluchtsort, der die Vergangenheit konserviert, in einem Kiez, der plötzlich „schick“ und „bio“ wird.
Gemeinsam mit Ole reist der Leser zu einem dunklen Punkt in der Vergangenheit des Romanhelden zurück. Damals, 1987, zwei Jahre vor der Wende, gab es in Tschechien, genauer Pilsen, ein legendäres Friedenskonzert mit den „Toten Hosen“ und den „Einstürzenden Neubauten“, das in einem Desaster endet.
„Ich war bei dem Konzert nicht dabei“, erklärt der Autor Jaroslav Rudis, „ich war damals erst 15. Aber ich habe mir das Video auf youTube angesehen. Es ist ein Stück deutsch-tschechische Geschichte. Ich finde es faszinierend, wie damals rebelliert wurde.“ Auch in Jaroslav Rudis’ Sprachduktus findet sich diese Kraft wieder: schnell, dynamisch und musikalisch. „Es ist die Kraft des Rock’n Roll, der keine Grenzen kennt und alles sprengt.“

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