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Fr, 12. Juni 2015

„Berichterstattung regionaler Medien – im Fokus Migration“

Podiumsdiskussion im Rahmen des 3. Deutschen Diversity Day in Bremen

Welchen Einfluss haben Medien auf das öffentliche Bild der Zugewanderten? „Für viele sind sie ein Ersatz für den echten Kontakt und Dialog mit den Menschen aus anderen Kulturen“, sagt Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Erfurter Uni. Wie gehen die Medien mit dieser Verantwortung um?

Medien haben Macht. Sie können Meinungen bilden. „Sie können beispielsweise verstärkend auf antiislamische Bewegungen wirken“, sagt Kai Hafez und führt als Beispiele „Sarrazin“ und „Pegida“ an. „Die wurden groß geschrieben. Da sieht man, dass kleine Gruppen großen Krach machen können, wenn sie sich richtig inszenieren.“

Podium
(V.l.): Kai Hafez (Uni Erfurt), Libuse Cerna (Vors. BRI), Fuat Kamcili (Moderator), Henning Bleyl (taz), Karsten Binder (Funkhaus Europa)

Mehr Diversität

Dazu kommt, dass Nachrichten kurz und knapp sein müssen. Für differenzierte Ausführungen und Einzelschicksale ist kein Platz. Gezeigt werden nur die immer die gleichen Bilder von überfüllten Flüchtlingsbooten, sie tauchen schon beinahe symbolhaft in den Nachrichten auf. „Was wir brauchen, sind andere Formate “, fordert deswegen Kai Hafez und meint damit eine ausführliche Berichterstattung in Form von Features – zum Beispiel über muslimische Lebenswelten oder Fluchterfahrungen –, „die mehr Diversität reinbringen und nicht so stereotyp funktionieren.“

Diversität ist nicht Quote

Karsten Binder vom Funkhaus Europa hält es für wichtig, die vielfältige Medienlandschaft zu fördern. Funkhaus Europa ist da ein Baustein, ein Nischensender, weitab vom Mainstream. „Uns hören wenige Leute. Aber selbst hier ist es so, dass differenzierte Formate nicht so gern gehört werden.“ Längere Ausführungen fordern Aufmerksamkeit und Geduld vom Hörer und das in einer Zeit, in der alle schnell und häppchenweise konsumieren wollen.

Aktualität neu definieren

Da der vom Weser-Kurier eingeladene Vertreter verhindert war, brach Libuse Cerna, die Vorsitzende des Bremer Rates für Integration, eine Lanze für das Blatt und lobte die Bemühungen um differenzierte Darstellung. Als Beispiel führte sie eine Serie an, in der es um in Bremen lebende Muslime ging. „Ansonsten schreiben doch alle über das Gleiche. Wenn BILD was berichtet, dann berichten die andern auch.“ Kai Hafez mahnt in diesem Zusammenhang an, Aktualität nochmal neu zu definieren. Dazu gehöre Mut. „Viele Zeitungen trauen sich nicht ein anderes Thema zu bearbeiten als die anderen.“ Natürlich sei eine Akzentverschiebung am Ende auch immer eine Frage der Ressourcen – in finanzieller und personeller Hinsicht. Der Kulturredakteur Henning Bleyl wies bei der Gelegenheit auf den Vorteil des genossenschaftlichen Konzepts der taz hin, das die publizistische und ökonomische Unabhängig sicherstelle.

Löst Social Media das Problem?

Eine wichtige Rolle in der Medienlandschaft spielen die Social Media: Blogs, Foren, soziale Netzwerke. Hier ist höchste Aktualität gegeben, bis hin zum Verfolgen in Echtzeit sowie Diversität in Form verschiedener Darstellungsformate und Meinungen. Und: Hier sind junge migrantische Medienmacher am Start. „Die neuen Medien haben uns längst abgelöst und brauchen uns nicht mehr“, sagt Carsten Binder. „Die machen ihre eigene Medienwelt im Internet.“ Das sei die neue Wirklichkeit, die man anerkennen müsse.
Hafez hält dagegen: „Deutschland ist für mich kein Bloggerland.“ Untersuchungen über das Internet zeigten zudem, dass Rassismus und Islamophobie dadurch nicht abgenommen hätten. „Das, was früher am Stammtisch verhandelt wurde, geht jetzt übers Internet“, so Hafez. Der Internetraum sei insgesamt sehr heterogen. Es gäbe multikulturelle und weniger multikulturelle Milieus. „Traditionell vermittelnde Vertrauensinformanten, wie etwa die Süddeutsche, haben mehr Einfluss – und das wird auch so bleiben. Wir brauchen gemeinsame Medien.“

Beginn eines Lernprozesses?

Am Ende ist sich das Podium einig, dass Zeitungen und Radio nicht so schnell aus der Medienlandschaft verschwinden werden. Doch wie kann man ihr Überleben sichern? Ein positiver Trend, der den Weg weisen könnte: die Selbstreflexion. Angefangen bei der differenzierten Verwendung von Begrifflichkeiten – von geschlechtergerechter Sprache bis hin zu politisch korrekten Formulierungen, die Sachverhalte möglichst wertfrei, korrekt und präzise wiedergeben sollen – bis hin zu einer höheren Quote Zugewanderter in den Redaktionen. „Hier ist ein Lernprozess im Gange, der mehrere Generationen dauern wird“, so Hafez.

Podiumsdiskussion am Donnerstag, 11. Juni, 17.30 bis 19 Uhr, DGB-Haus

Gäste: Prof. Dr. Kai Hafez (Universität Erfurt); Libuse Cerna (Bremer Rat für Integration); Karsten Binder (Radio Bremen – Funkhaus Europa); Henning Bleyl (TAZ Bremen); Moderation: Fuat Kamç?l? (ADA – Antidiskriminierung in der Arbeitswelt)

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