Aktuelles


Fr, 06. März 2015

Ein Plädoyer für „Frieden, Freiheit, Frechheit“

Lesung mit der Autorin und Journalistin Irena Brezna im EuropaPunkt Bremen

Bremer Rat für Integration und die Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) hatten im Rahmen des Internationalen Frauentages die Autorin und Journalistin Irena Brezna am 3. März in den EuropaPunkt geladen. Dem diesjährigen Motto des Frauentages „Frieden, Freiheit, Frechheit“ wurde die Autorin in jeder Hinsicht gerecht.

Lesung Irena Brezna

Frechheit und Freiheit
Die als junges Mädchen aus der ehemaligen Tschechoslowakei in die Schweiz emigrierte Autorin las zunächst aus ihrem jüngsten Roman „Die undankbare Fremde“, der vor allem in der Schweiz kontrovers diskutiert wurde. 2012 erhielt sie dafür die höchste literarische Auszeichnung des Landes, den eidgenössischen Literaturpreis. „Die Protagonistin ist eine 15-Jährige widerspenstige junge Einwanderin, die aus der Diktatur in eine Demokratie kommt“, erzählt Brezna. „Die junge Frau versteht gar nicht, wo sie sich befindet. Sie spricht von einer Zwangsheirat mit dem Land. Das ist für sie ein traumatisches Erlebnis. Ein roter Faden ist ihr „Motzen“ und ständiges Auflehnen gegen ein Land mit so vielen Regeln.“ Aber es ist auch ein Entwicklungsroman, der beschreibt wie es möglich ist, sich eine neue Identität zusammenzubasteln.

Frieden und Freiheit
Bevor Irena Brezna mit dem literarischen Schreiben begann, arbeitete sie als Journalistin. Sie zog unter anderem als Kriegsreporterin in den Tschetschenienkrieg, um über die tschetschenischen Frauen zu schreiben. An diesem Abend im EuropaPunkt gab sie auch Einblicke in diese dokumentarische Schaffensperiode. „Man sah damals nur Fotos von Männern mit Kalaschnikow. Aber wer sind die Frauen, die Schwestern, die Mütter?“, fragte sie sich. „Ich fuhr ahnungslos und ungeschützt in den Krieg und habe mich dort den Frauen anvertraut.“
Zwei Sammelbände mit Reportagen aus Tschetschenien sind erschienen: „Die Wölfinnen von Sernowodsk“ und „Die Sammlerin der Seelen“, für den sie 2001 den Theodor-Wolf-Preis vom damaligen Bundespräsidenten Rau verliehen bekam.
Selbst traumatisiert kehrt sie aus dem Krieg zurück. „Man konnte dort nicht nur Reporterin sein“, sagt sie „wenn man sich mit einem solchen Land identifiziert, das so sehr leidet.“ Sie leistet humanitäre Hilfe, betreibt Fundraising, hilft den Frauen, wo sie nur kann. „Am Ende hatte ich meinen Humor verloren, der in meiner Kultur doch so wichtig ist.“ Als sie zurück in der Schweiz ist, beschließt sie belletristisch zu schreiben. Und wer ihre Bücher gelesen hat weiß, dass sie ihren Humor wiedererlangt hat.
Bis heute pflegt Irena Brezna Kontakt zu tschetschenischen Aktivistinnen und arbeitet an Dokumentationen über tschetschenische Frauen mit. Wenn sie erzählt, dann ist die Atmosphäre genauso dicht wie die Sprache in ihren Büchern. Hier sind Verstand und Herz gleichermaßen am Werk. Ein gelungener Abend!

“Die undankbare Fremde”, Galiani, 2012
“Die Wölfinnen von Sernowodsk. Reportagen aus Tschetschenien”, Quell, 1999 (nur noch gebraucht zu bekommen)
“Die Sammlerin der Seelen: Unterwegs in meinem Europa”, Aufbauverlag, 2003

Der Bremer Rat für Integration bei facebook