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Mi, 13. Mai 2015

„Eine neue Form des heimischen Extremismus“

Hazim Fouad vom Bremer Verfassungsschutz über den Salafismus

Hazim Fouad

Salafismus ist momentan in aller Munde. „Doch oftmals wird die Debatte sehr oberflächlich geführt, manche Darstellungen sind sogar schlicht falsch“, kritisiert der Islamwissenschaftler Hazim Fouad. Seit drei Jahren arbeitet der 30-Jährige mit ägyptischen Wurzeln beim Bremer Landesamt für Verfassungsschutz. Jetzt hat er ein Buch zum Thema Salafismus herausgegeben.

Mit dem im Juni des Jahres erschienenen Sammelband wollen der Bremer und sein Hamburger Kollege Behnam Said die Diskussion versachlichen. „Es ist das erste wissenschaftliche Buch in deutscher Sprache, das sich an eine breite Öffentlichkeit wendet“, erklärt Fouad. Die Verkaufszahlen sprechen für sich. Bereits im September wird es die zweite Auflage geben. In dem über 500 Seiten starken Werk geht es sowohl um die Erscheinungsformen des Salafismus in der islamischen Welt, als auch um die in Deutschland. Aber wie sieht es in Bremen aus?

Salafismus in Bremen

„Im Land Bremen ist der Salafismus den Sicherheitsbehörden seit mindestens zehn Jahren als Phänomen bekannt“, so Hazim Fouad. „Vom Verfassungsschutzverbund zum Beobachtungsobjekt erklärt, wurde er allerdings erst 2011.“ Der Grund: Gefährdung demokratischer Grundwerte. Die Salafisten interpretieren ihren Glauben sehr radikal. Weltliche Regelwerke wie das Grundgesetz erkennen sie nicht an. Im Jahr 2011 zählte der Bremer Verfassungsschutz 350 Menschen, die der Szene zuzuordnen sind. Heute, 2014, sind es gerade mal zehn mehr, nämlich 360. „In Nordrhein-Westfalen beispielsweise hat sich die Zahl der Anhänger im gleichen Zeitraum verdreifacht“, führt der Islamwissenschaftler an. So gesehen steht Bremen ganz gut da, auch wenn die Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung recht hoch ist. „Sicherlich besteht immer die Gefahr, dass sich aus diesem Pool Personen radikalisieren“, so Fouad. Bislang weiß der Verfassungsschutz von zehn Bremern, die ausgereist sind, um sich als Jihadisten am syrischen Bürgerkrieg zu beteiligen. Und es gibt auch zwei Rückkehrer. Doch die habe der Verfassungsschutz im Blick.

Neue Jugendkulturbewegung

Bei der Debatte wünscht sich Hazim Fouad eine Verlagerung des Fokus von der Sicherheitsfrage hin zur Prävention. „Hier müssen wir ressortübergreifend tätig werden. Doch dafür muss der Salafismus erstmal als gesamtgesellschaftliches Problem erkannt und als eine neue Form des heimischen Extremismus akzeptiert werden, der uns genauso begleitet wie Links- oder Rechtsextremismus.“ Der Salafismus sei eine Jugendkulturbewegung, eine Protestkultur, die vor allem Jugendliche zwischen 16 und Ende 20 anspräche und sich hier in Deutschland entwickelt habe. Die Anhänger sprechen deutsch, auch die Propaganda im Internet ist überwiegend deutsch, ebenso die Predigten. Viele Anhänger haben die deutsche Staatsbürgerschaft oder sind hier geboren. 20 Prozent etwa sind Konvertiten und – was die wenigsten wissen – auch Frauen spielen eine große Rolle. Fouad: „Die Frauen – zumeist die Ehefrauen – sind im Hintergrund sehr aktiv, beispielsweise im Internet.“ Der Salafismus sei für sie attraktiv, weil er auch ihnen bestimmte Rechte einräume. Wenn auch andere als den Männern. „Viele Frauen haben in besonders traditionellen Familien in erster Linie Pflichten und keine Rechte – anders als ihre Brüder. Als Salafistinnen emanzipieren sie sich mit Bezug auf ihr islamisches Wissen von ihren autoritären Vätern“, beschreibt Fouad. Junge Menschen, die Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, sich ausgestoßen fühlen aus der hiesigen Gesellschaft, erfahren in der Gemeinschaft der Salafisten Akzeptanz, finden endlich einen Platz und gehören obendrein zu den Auserwählten. Fouad: „Das zeigt uns: Die Jugendlichen brauchen Aufmerksamkeit und Verständnis. Und hier muss die Prävention ansetzen, in den Familien, den Schulen, der Jugendarbeit und in den muslimischen Gemeinden.“


Buchtipp:

Salafismus – Auf der Suche
nach dem wahren Islam

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Auf der Suche nach dem wahren Islam

In 15 Aufsätzen erläutern internationale Experten die rechtlichen und theologischen Grundlagen des Salafismus. Dabei geht es sowohl um die Erscheinungsformen in der islamischen Welt, als auch um die in Deutschland. Ein umfangreicher Sammelband mit informativen und kenntnisreichen Beiträgen auf dem aktuellen Stand der Forschung.

Verlag Herder
Said, Behnam T. / Fouad, Hazim (Hrsg.)
ISBN 978-3-451-33296-8

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