Aktuelles


Mo, 29. Juni 2015

"Oft sind es religiöse Analphabeten"

Der Verein „Gusour – interkulturelle Brücken“ lud im Rahmen seines „Arabischen Filmfestivals Aflmana & Kulturwoche in Norddeutschland“ am 21. Mai zur Podiumsdiskussion ins Bremer Haus der Wissenschaft ein. Das Thema: „Religiös bedingter Extremismus und Präventionsmöglichkeiten“.

Schreckensmeldungen über die Kämpfe um den selbsternannten „Islamischen Staat“ (IS) im Nahen Osten erreichen uns mittlerweile beinahe täglich. Junge Menschen, zwischen 16 und 20, auch Frauen, mit Maschinengewehren, brutale Hinrichtungen, Selbstmordattentäter. Auch in Deutschland gibt es Sympathisanten des „IS“. „Bis heute sind 4000 junge Menschen von Europa ausgereist, um in sich an dem ‚Heiligen Krieg’ zu beteiligen, davon 680 Deutsche“, berichtet Hazim Fouad vom Verfassungsschutz Bremen. Ein Drittel von ihnen ist zurückgekehrt, 85 sind gestorben, zwölf davon bei Selbstmordanschlägen.

V.l.: André Teubert, Mahmoud
Ahmed, Libuse Cerna, Helmut Kehlen …
v.l.: André Teubert, Mahmoud Ahmed, Libuse Cerna, Helmut Kehlenbeck und Hazim Fouad

Da von den Rückkehrern eine potentielle Terrorgefahr ausgeht, stehen sie besonders im Visier des Verfassungsschutzes. Auch hier in Bremen. „Doch es ist für uns schwer, die Rückkehrer einzuschätzen“, so Fouad. Drei Gruppen unterscheidet er. Zum einen gäbe es die Desillusionierten. Sie kämen enttäuscht und reuevoll zurück. Sie wären teilweise als Botschafter zur Aufklärung von Jugendlichen geeignet. Die zweite Gruppe sind die von den Erlebnissen Traumatisierten, die Probleme haben, sich hier wieder in die Gesellschaft einzugliedern. „Für diese Gruppe gibt es noch keine Programme“, so Fouad. „Diese Menschen könnten zu einem Problem werden.“ Die dritte Gruppe der Rückkehrer ist die gefährlichste. Diese Kämpfer kommen zurück mit dem Auftrag, hier weitere Jugendliche zu radikalisieren und eventuell auch Anschläge zu planen.

Gegenbewegung

Eine Bewegung die Angst macht. Die andere Seite der Medaille, so Fouad, sei die daraus erwachsene Gegenbewegung. „So brennen immer häufiger Moscheen. Das ist ganz deutlich geworden nach dem Anschlag in Paris.“ Auch sonst nähmen im Alltag die Übergriffe auf Muslime zu. „Das rechtspopulistische bis rechtsextreme Publikum meint etwas tun zu müssen. Das fängt bei den geistigen Brandstiftern der Pegida-Bewegung an bis hin zum tatsächlichen Niederbrennen von Flüchtlingsheimen.“ Hier werde eine ganze Glaubensgemeinschaft in Haftung genommen.
Dabei seien die radikalen Salafisten eine Minderheit in Deutschland. 4 Millionen Muslime leben hier, davon zählt der Verfassungsschutz 7300 Salafisten, von denen aber nur 1000 zum militanten Spektrum gerechnet werden können. Das sind 0,15 Prozent.

Gesellschaftliche Spaltung droht

Was droht, ist eine gesellschaftliche Spaltung. Wie kann der Entgegengewirkt werden? „Der Fokus liegt meines Erachtens derzeit noch zu stark auf den Rückkehrern“, so André Taubert vom Beratungsnetzwerk kitab Bremen. „Vielmehr sollten wir präventiv tätig werden, um das Abgleiten vieler Jugendlicher in die radikale Szene zu verhindern.“ Um das Problem an der Wurzel packen zu können, muss man die Ursachen kennen. Was also macht die radikal salafistische Bewegung für Jugendliche interessant? „Jedenfalls ist es kein religiöser Extremismus. Viele Jugendliche sind ‚religiöse Analphabeten“, so Taubert. „Treffender ist es, von einem ‚religiös begründeten Extremismus’ sprechen.“ Viel eher seien es Diskriminierungserfahrungen auf verschiedensten Ebenen, die Jugendliche Halt suchen ließen. Der Imam Mahmoud Ahmed vom Islamischen Institut Hamburg (AL-AZHARI) berichtet aus seiner Praxis. „Viele junge Menschen fühlen sich ausgestoßen aus der hiesigen Gesellschaft, erfahren in der Gemeinschaft der Salafisten Akzeptanz, finden endlich einen Platz und gehören obendrein zu den Auserwählten.“ Die Jugendlichen brauchten Aufmerksamkeit und Verständnis. Und hier müsse die Prävention ansetzen, in den Familien, den Schulen, der Jugendarbeit und in den muslimischen Gemeinden. Diese müssten noch viel stärker zusammenarbeiten.

Netzwerk für Prävention

In Bremen sind seit Beginn des Jahres alle in der Prävention tätigen Akteure durch einen Verteiler miteinander verbunden. Im Einzelnen sind dies: die Ressorts Soziales, Inneres, Bildung, die Justiz, die Landeszentrale für politische Bildung, die Senatskanzlei sowie die Bremerhavener Schul- und Sozialbehörde und die Polizei. Wichtig auch die Vereine, Verbände und Institutionen. Bislang mit dabei: der Bremer Rat für Integration (BRI), die muslimischen Verbände Schura, Ditib und VIKZ sowie die beim Verein zur FRörderung akzeptierender Jugendarbeit (VAJA) angesiedelte Beratungsstelle „kitab“.
Das Netzwerk arbeitet in verschiedenen Arbeitsgruppen zusammen, die sich mit unterschiedlichen Projekten im Bereich der Prävention befassen. Diskutiert werden unter anderem ein Streetworkerprojekt, ein Projekt zur Betreuung von Rückkehrern, die Stärkung der Beratungsstelle „kitab“, die bislang mit lediglich zwei halben Stellen den gesamten Norddeutschen Raum berät, ein Teamerprojekt mit Filmen für Schulen sowie diverse Fortbildungsmaßnahmen. Die Federführung des Konzeptes liegt bei Soziales, die Geschäftsführung bei Inneres.


Teilnehmer des Podiums:

Hazim Fouad, Verfassungsschutz Bremen
Helmut Kehlenbeck, Senat für Bildung und Wissenschaft Bremen
André Taubert, VAJA e.V., Beratungsnetzwerk kitab Bremen
Mahmoud Ahmed, AL-AZHARI Islamisches Institut Hamburg
Moderation: Libuse Cerna, 1. Vorsitzende, Bremer Rat für Integration

Der Bremer Rat für Integration bei facebook