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Do, 19. November 2015

Ungläubiges Staunen über das Christentum

Literaturfestival globale° eröffnet mit Friedenspreisträger Navid Kermani

Mit einstündiger Verspätung eröffnete der Hausherr Christian Weber am Sonntag, 1. November, die “globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur” im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft. Grund für die Verzögerung war die verspätete Ankunft des mit der Bahn angereisten Kölner Autors Navid Kermani. Dennoch war der Saal, auch zu vorgerückter Stunde, mit rund 300 Menschen mehr als vollbesetzt.
Der erst kürzlich zur Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Orientalist und Schriftsteller las aus seinem bei C.H. Beck erschienen Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“. Selbst Moslem und habilitierter Orientalist, ist Navid Kermani ein großer Freund des Christentums. Sein Buch ist eine Hommage an die westliche Kunst- und Kulturgeschichte. In 40 Essays versenkt er sich in die christliche Bilderwelt. Dabei interessiert ihn nicht die kunsthistorische Interpretation, sondern vielmehr die religiöse Aussage und Bedeutung.
Per Beamer präsentierte Kermani den Zuhörern an diesem Abend vier der insgesamt 40 Kunstwerke, über die er in seinem Buch schreibt: von El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“ über Caravaggios “Opferung Isaacs” und das neue Gerhard-Richter-Fenster im Südschiff des Kölner Doms bis hin zu einer eher unbekannten Holzskulptur einer Pietà, die ihm nur wenige Hundert Meter von seinem Büro, in der Kölner Kirche St. Kunibert, begegnete.
Die Entstehung seines Buches beschreibt er, im Gespräch mit der Moderatorin des Abends, Silke Behl von Radio Bremen, als eine Art „Lebensmitschrift“. „Das Schreiben war so geplant oder ungeplant, wie man sein Leben führt. Ich habe einfach darüber geschrieben, was mir begegnete.“ Ob Rom oder Köln: „Da, wo mich mein Leben hinführt, finde ich Bilder.“ Und die inspirieren ihn. Staunend sieht er eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich – und ist begeistert. Ein Moslem, der vom Christentum schwärmt. „Es ist für mich leichter, für das Christentum zu schwärmen, als für den Islam“, sagt Navid Kermani. Da er selbst kein Christ sei, trüge er keine Verantwortung für diese Religion und Kultur, das Verhältnis sei unbelasteter, hier könne er vielmehr staunen.

Das musikalische Rahmenprogramm bestritt Miran Zrimsek, der Cellist brachte aus Bachs 1. Suite in G-Dur den 4. Satz zu Gehör sowie die Caprice Nr. 1 eines bislang noch weniger bekannten, gerade wieder entdeckten italienischen Komponisten aus dem 18. Jahrhundert, Joseph Dall’Abaco.

Mehr zur “globale°– Festival für grenzüberschreitende Literatur”, vom 1.–9. November 2015

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