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Fr, 09. Dezember 2016

„Deutschland ist bedroht – Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen“

Lesung mit der Journalistin Düzen Tekkal im Festsaal der Bürgerschaft

Düzen Tekkal, in Hannover geboren, ist Fernsehjournalistin, Autorin und Kriegsberichterstatterin. Die 38-Jährige las am 8. Dezember im Festsaal der Bremer Bürgerschaft aus ihrem Buch „Deutschland ist bedroht – Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen“. Zur Veranstaltung hatte der Bremer Rat für Integration (BRI) im Rahmen der vom Kulturzentrum Lagerhaus veranstalteten „MigrantInnentage gegen Ausgrenzung“ geladen. Im Anschluss an die Lesung bat die Vorsitzende des BRI, Libuse Cerna, zur Diskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der bremischen Bürgerschaft: Antje Grotheer (SPD), Sigrid Grönert (CDU), Sülmez Dogan (Bündnis 90/ Die Grünen) und Cindi Tuncel (Linke).

Podium
(V.l.): Cindi Tuncel, Sigrid Grönert, Düzen Tekkal, Libuse Cerna, Antje Grotheer, Sülmez Dogan

Noch vor einem Jahr, erzählt Düzen Tekkal, habe sie sich für vieles in ihrem Buch Geschriebene rechtfertigen müssen. So etwa auch für den Titel. Inzwischen habe sich vieles bewahrheitet. Düzen Tekkal, selbst Jesidin, reiste 2014 in die Heimat ihrer Eltern, den Nordirak, um über den Genozid an ihrem Volk zu berichten. Als Kriegsreporterin erlebt sie die Machenschaften des IS hautnah. „Menschen wurden hier entmenschlicht. Religionsfreiheit und Menschenrechte spielen in Kriegen eine untergeordnete Rolle“, sagt sie. „Wer das gesehen hat, geht als anderer Mensch.“
Angesichts dieses Erlebnisses ist die Journalistin in Sorge angesichts der stetig wachsenden extremistischen Strömungen in Deutschland. „Unsere Demokratie ist in Gefahr.“ Dabei hat sie nicht nur auf die islamistischen Extremisten im Blick, sondern auch die wachsende nationalistische rechte Gewalt: „Jeder dieser beiden Zwillinge“, so Tekkal, „stellt das Grundgesetz und darin verankerte Werte wie Meinungs- und Religionsfreiheit in Frage.“
Die deutsche Politik reagiere hilflos und überfordert. Mit Tabuisierungen und Schweigen. „Die Probleme müssen endlich angesprochen werden“ fordert Tekkal. Probleme, die die Integration auch mit sich bringt. „Wir müssen beispielsweise mit den Muslimen diskutieren, wie der Islam mit der säkularen westlichen Welt vereinbar ist. Er muss auf jeden Fall anders aussehen. Die Frömmigkeit darf nicht mit dem Rechtsstaat kollidieren. Das Grundgesetz muss in jedem Fall die Leitlinie sein und bleiben.“
Tekkal kritisiert, dass konservative islamische Verbände integrativ daher kommen und auf Bundeseben groß gemacht worden wären. Doch eher weltlich orientierte Muslime fühlten sich durch sie nicht vertreten und daher im Stich gelassen. Tekkal verweist in diesem Zusammenhang etwa auf ditib. „Religiöse Erziehung ist wichtig“, sagt sie, „aber wir, die Mehrheitsgesellschaft, die wir uns in erster Linie als Staatsbürger begreifen, sollten dabei ein Wörtchen mitzureden haben. Erstens: Imame müssen in Deutschland ausgebildet werden. Zweitens: Was sie tun, muss sich aufs Grundgesetz stützen. Und drittens: ditib muss quellenkritische Religionserziehung zulassen. Das heißt, es muss beispielsweise diskutiert werden, wie der Islam zu Antisemitismus, zu Frauenrechten oder Homosexualität steht.“ Hier müsse die islamische Community rausgehen und diskutieren, „ohne Maulkörbe“, so Tekkal. Gleichzeitig sei es an den demokratischen Parteien, alle islamischen Verbände und auch säkulare Muslime zu dieser Diskussion an einen Tisch zu holen.
Miteinander reden, der direkte Austausch, sei in Gesellschaft und Politik ein wichtiges Mittel zur Extremismus-Prophylaxe. „Wir leben doch heute alle in einer Blase. Jeder in seiner eigenen mit seinem Smartphone, in den sozialen Medien“, prangert Tekkal an. Diese Filterblasen seien gefährlich. „ Wir müssen wieder auf Kontakt setzen, diskutieren, uns begegnen, feststellen, wie andere denken und in andere Lebenswirklichkeiten eintauchen. Verschiedenheit zu akzeptieren, müssen in einer demokratischen Gesellschaft alle lernen.“ Und noch etwas gibt sie den Zuhörerinnen und Zuhörern an diese Abend mit auf den Weg: „Wenn wir etwas besser machen wollen als die Extremisten, müssen wir mehr Positives sehen, über die düsteren Zustandsbeschreibungen hinaus. German dream, statt german Angst.“

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