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Fr, 09. September 2016

Jobwege und -chancen für Migrantinnen

Einem gesellschaftlich ganz aktuellen Thema widmete sich im Rahmen der 5. Bremer Integrationswoche eine Talkrunde: „Jobwege und -chancen für Migrantinnen“. Der Bremer Rat für Integration und belladonna luden dazu ein. Wie schaffen Migrantinnen den Weg auf den Arbeitsmarkt? Eine topaktuelle OECD-Studie besagt, dass im EU-weiten Vergleich in Deutschland die meisten Migrantinnen in Jobs arbeiten, für die sie überqualifiziert sind. Hat Deutschland viele Frauen ausgebremst? Warum werden sie oft unterschätzt?

Jobangebote als Reinigungskraft

Die aus Bulgarien stammende ausgebildete Bibliothekarin und Kulturwissenschaftlerin Lidia Angelova berichtete in der Talkrunde bei belladonna über ihre persönlichen Erfahrungen. Seit 2015 ist sie bei der Agentur für Arbeit gemeldet und bekommt seitdem von ihrer Beraterin immer wieder Jobangebote als Reinigungskraft vorgesetzt. Warum? Susanne Ahlers, Geschäftsführerin des Jobcenters Bremen, wagt einen Erklärungsversuch: Leider gilt sie bei uns als ungelernt, weil sie bislang keine Papiere nachweisen kann. Das ist bei allen, Männern und Frauen, bei Migrantinnen und Nicht-Migranten, ein Problem. Frau Angelova hat aber Zeugnisse. Hier ist das Problem, dass sie die erst übersetzen lassen muss. Das bezahlt das Job-Center. Danach wartet aber schon die nächste Hürde: Der Abschluss muss anerkannt werden „Das kann das Job-Center nicht machen“, so Ahlers, „wir können sie nur unterstützen und ihr sagen, wo sie hingehen muss.“
Doch warum nun die Angebote als Reinigungskraft? Dafür kann es laut Ahlers mehrere Gründe geben. Zum einen werden in Bremen dringend Reinigungskräfte gesucht. Außerdem hat Frau Angelova bereits in der Vergangenheit einmal einen Job als Reinigungskraft angenommen. Und: Wer seit fünf Jahren aus seinem Job raus ist, das gilt für Männer, Frauen, Migrantinnen und Nicht-Migrantinnen gleichermaßen, gilt nicht mehr als qualifiziert. „Es tut sich einfach zu viel in den Berufsbildern. Wenn ich fünf Jahre nicht in dem Beruf arbeite, habe ich den Anschluss verloren.“ Und letztlich, so Ahlers, sei es nicht ausgeschlossen, dass manchmal auch Vorurteile eine Rolle spielen. Seit sie Geschäftsführerin im Jobcenter sei, gehöre deshalb „Interkulturelle Kompetenz“ zur Standardfortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

„Wir müssen umdenken”

„Will man alle extrem motivierten Migrantinnen – und auch Migranten und Geflüchtete – in Arbeit bringen, müssen wir umdenken“, so Ahlers. „Braucht man wirklich für alles einen Abschluss?“ In Bremerhaven steht der Weg ohne Papiere in die Arbeit laut Monica Kotte, (Beratungsstelle Frau und Beruf/afz Brhv.) bislang nur sehr wenigen Frauen offen. „Es gibt nur ganz wenige kleine oder mittelständische Betriebe, die bereit sind, in solche Menschen zu ‚investieren‘”. Eine solche Unternehmerin ist Erika Siegel. In den 80er Jahren kam sie aus Litauen nach Deutschland. Als sie arbeitslos wurde beschloss sie, sich selbständig zu machen. „Es war ein langer Weg, bei dem ich so gut wie keine Unterstützung bekam“, erzählt sie. „Aber ich wusste, was ich kann und dass ich es schaffen würde.“ Seit 2011 gibt es ihre Firma „Feinkost Siegel“ in Bremerhaven. Zehn Mitarbeiterinnen beschäftigt sie heute, darunter zwei gelernte Hebammen, der Rest ohne nachgewiesene Abschlüsse. Sie alle haben Arbeit gesucht und keine bekommen, einige haben kleine Kinder. „Ich habe ihnen viel Vertrauen entgegengebracht und wurde nicht enttäuscht“, so Siegel. „Es sind die besten Mitarbeiterinnen, die ich mir wünschen kann. Engagiert und zuverlässig. Ich beziehe sie in alles mit ein, wir sind eine Gemeinschaft und wir erledigen alles zusammen.“ Alle sechs Monate gibt es eine Schulung.

Weiterqualifizieren

Doch was ist, wenn ungelernte Frauen entlassen werden? Sie haben dann zwar ein Zeugnis, aber immer noch keine Qualifikation. Monica Kotte: „Wenn wir Frauen in solchen Betrieben untergebracht haben, dann können Teilzeitausbildungen und Umschulungen von uns gezahlt werden.“ Auch in Bremen bekommt jeder, der oder die sich weiterqualifizieren will einen Bildungsgutschein und kann sich damit bei zertifizierten Anbietern, also quasi allen Bildungsträgern, fortbilden.

Hürde: Rollenklischees

Eine weitere Hürde für Migrantinnen auf den Weg in die Beschäftigung sei das Denken in Rollenklischees. „Frauen mit Migrationshintergrund wollen frauenspezifische Berufe und nicht etwa ins Metallhandwerk“, berichtet Susanne Ahlers. Monica Kotte aus Bremerhaven hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Wir versuchen, Frauen in andere Branchen zu orientieren. In der Technik haben wir beispielsweise gute Erfahrungen mit Polinnen und Russinnen gemacht. Wir bieten Firmenbesichtigungen an, um Vorurteile abzubauen.“ Doch selbst, wenn die Frauen dann überzeugt und motiviert seien, wäre es oftmals der Ehemann, der nicht mitspielt. „Wenn er auf unser Gesprächsangebot nicht eingeht, dann sind auch uns die Hände gebunden“, so Kotte.


Susanne Ahlers, Geschäftsführerin Jobcenter Bremen
Lidia Angelova, Kulturwissenschaftlerin/Bibliothekarin aus Bulgarien
Monica Kotte, Beratungsstelle Frau und Beruf/afz Bremerhaven
Erika Siegel, Inhaberin Feinkost Siegel Bremerhaven und belladonna Gründerinnenpreisträgerin 2015
Moderation: Grit Thümmel

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