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Mo, 10. Oktober 2016

Literatur ohne Grenzen

Seit nunmehr zehn Jahren fördert das Bremer „globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur“ den künstlerischen Austausch über topografische und kulturelle Grenzen hinweg. Am Freitag, 28. Oktober, findet die offizielle Eröffnung um 19 Uhr im Bremer Rathaus statt. Das Literatur-Festival läuft noch bis zum 15. November. Gespräch mit dem Vorstandsmitglied des Vereins “globale°” Tobias Pollok.

Vor zehn Jahren fand die erste globale° in Bremen statt. Ein europaweit einzigartiges Festival. Ist das heute immer noch so oder gibt es inzwischen vergleichbare Festivals?
Tobias Pollok: Das globale°-Festival für grenzüberschreitende Literatur ist seit zehn Jahren mit seiner Schwerpunktsetzung aber auch mit den ihm innewohnenden Dynamiken einzigartig in der europäischen Festivallandschaft. Viele Autorinnen und Autoren aus den vergangenen Jahren sind inzwischen fester Bestandteil der deutschen Gegenwartsliteratur und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Dass sie das durch globale° geschafft haben, maßen wir uns natürlich nicht an. Aber zumindest, dass wir seit Anbeginn einen Riecher für gute Literatur haben. Und das macht globale° letztlich auch einzigartig – dass wir alljährlich aktuelle Bücher vorstellen, dass wir neben bekannten Namen auch Debütanten im Programm haben, und vor allem dass wir absolut von der literarischen Qualität der eingeladenen Autorinnen und Autoren überzeugt sind.

Wie hat sich die Literatur seit der ersten globale°, 2007, weiterentwickelt? Und hat sich auch das Publikum verändert?
Tobias Pollok: Viele der „globale°-Autoren“ sind mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil im Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Das Interesse für sie ist also nach wie vor ungebrochen, nur haftet ihnen glücklicherweise nicht mehr der Touch des „exotischen“ an. Das sagt auch viel über die Akzeptanz in der Gesellschaft respektive beim Publikum aus. Aber natürlich gibt es auch hier noch viel Luft nach oben. So mancher junge Literat, seit frühster Kindheit in Deutschland, der Romane auf Deutsch verfasst, wird dann von dem einen oder anderen Journalisten gefragt, ob man ein Interview machen könne und ob dies auf Deutsch möglich ist. Da sieht man dann auch, dass globale° auch in Zukunft noch viel Arbeit vor sich hat …

Was sind die großen Themen und Fragen der Gegenwartsliteratur?
Tobias Pollok: Das zu beantworten, würde den Rahmen des Interviews wohl sprengen. Wenn wir uns auf diesjährige globale° beschränken, fällt auf, dass viele Bücher die eigene Familiengeschichte behandeln. Es ist eine Art Spurensuche, back to the roots. Natürlich nicht rein autobiografisch, aber dieses Grundmuster, die Suche nach der eigenen Herkunft und der eigenen Geschichte ist in vielen Romanen zu erkennen. Flucht und Vertreibung spielen dabei natürlich auch eine Rolle.

Was kann Literatur heute, was kann sie sein? Inwiefern grenzüberschreitend?
Tobias Pollok: Grenzüberschreitend ist für globale° ein ganz vielschichtiger Begriff. Natürlich geht es um topographische und kulturelle Grenzen, aber auch um Sprachgrenzen, um Mehrsprachigkeit und vor allem um den spannenden Blick von Autorinnen und Autoren, die solche Dinge in ihren Lebensläufen versammeln. Und das ist auch das Spannende an der Literatur, beziehungsweise ihre Kraft: Der Roman bietet der Leserin und dem Leser einen ganz anderen Zugriff auf solche Realitäten. Er holt den Leser auf einer ganz anderen Ebene ab, als es beispielsweise Zeitungslektüre kann. Und darüber bietet sie auch einen ganz anderen, tieferen Zugang zu manchen Themen. Wir bemühen uns, den Begriff der Grenzüberschreitung so weit wie möglich zu denken, was auch an unserem Programm ersichtlich ist. So dehnen wir den Literaturbegriff, indem wir auch jedes Jahr ein Theaterstück auf die Bremer Bühnen bringen, das Programm durch Ausstellungen ergänzen und auch Raum für politische Diskussionen schaffen. Wir bemühen uns auch, Generationsgrenzen oder die Grenzen sozialer Unterschiede zu überschreiten: ein Großteil unserer Veranstaltungen ist kostenfrei. So versuchen wir möglichst allen den Zugang zu Literatur und Kultur zu ermöglichen.

Wird nur auf Deutsch gelesen?
Tobias Pollok: Unser Kerngebiet ist und bleibt die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, aber natürlich befindet sich auch ein Festival wie globale° im Wandel. Insbesondere durch unsere Kooperationen mit anderen europäischen Literaturfestivals findet auch im gewissen Maße eine Internationalisierung statt. So gibt es zum Beispiel auch Französisch-, Niederländisch- oder Italienischsprachige Bücher, die den Weg ins Programm gefunden haben. Manche sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen. Aber es ist stets gewährleistet, dass die Veranstaltungen für jedermann und -frau zu besuchen ist: durch zweisprachige Lesungen und Moderationen. Manche Texte wurden dafür extra und exklusiv für globale° ins Deutsche übersetzt. Und apropos Übersetzen: An der Universität Bremen, die ja Mitveranstalter von globale° ist, werden wir am 08.11. einen Übersetzertag veranstalten unter dem Titel „Literatur übersetzen – Kulturen übersetzen“. Dort kommen dann Übersetzer, Verleger und Autoren mit Studierenden ins Gespräch. Die Vorträge und Workshops sind aber für jeden zugänglich und bewusst nicht(!) auf ein rein akademisches Publikum zugeschnitten. Jeder darf und jeder kann daran teilnehmen.

Was ist das Besondere am Jubiläumsprogramm?
Tobias Pollok: Sehr auffällig ist zunächst der Umfang, mit dem globale° sich in diesem Herbst präsentiert. Mit 40 Autorinnen und Autoren in einem dreiwöchigen Programm sind wir das größte Literaturfestival im Nordwesten. Auch haben wir versucht in der ohnehin ja recht politischen Ausrichtung unseres Festivals noch einige Akzente zu setzen: Zum Beispiel mit einer Diskussionsrunde über das aktuelle Geschehen in der Türkei. Aber auch schon auf der Festivaleröffnung wird es politisch: Anhand von ausgewählten Texten des renommierten niederländischen Schriftstellers Cees Nootebooms wird über den Zustand Europas diskutiert. Mit dabei sind José F.A. Oliver, Radka Denemarková, Gila Lustiger und Ales Steger. Das wird sicher sehr spannend. Außerdem haben wir in diesem Jahr ein sehr umfangreiches Kinder- und Jugendprogramm, das über einfache Lesungen hinausgeht. So veranstalten wir an verschiedenen Bremer Schulen Schreibwerkstätten und literarische Workshops, um auch dem Nachwuchs von Anfang an den Zugang zu Literatur zu ermöglichen, kreative Räume auszutesten und ihnen die Möglichkeit geben, die Autoren hautnah kennenzulernen.

Wie viele Veranstaltungen gibt es in diesem Jahr insgesamt und an welchen Orten?
Tobias Pollok: Das ist gar nicht so einfach zu sagen, wenn man auch die Kunstausstellungen und Workshops mitzählt, sind wir sicherlich bei über hundert Veranstaltungstagen. Was die reinen Lesungen betrifft sollten es knapp 60 sein. Örtlich versuchen wir ja immer wieder Neues auszuprobieren und auch in eher literatur-untypischen Locations präsent zu sein – natürlich ohne auf bewährte Spielorte zu verzichten. Bremen und Bremerhaven sind natürlich unser Fokus. Aber in diesem Jahr gibt es auch unser Soft-Opening in der Landesvertretung Bremen in Berlin. Außerdem ein Gastspiel einer deutsch-niederländischen Kooproduktion von jungen Dichtern, die nach ihrer Uraufführung am 04.11. im AMS!-Theater in Bremen, direkt am nächsten Tag in Groningen auf dem befreundeten Festival „Het grote gebeuren“ auftreten. Und im kommenden Jahr schicken wir eine Gruppe globale°-Autoren nach Saint-Malo auf das Festival „Etonnants Voyageurs“.

Was ist für Sie das diesjährige Highlight der globale°?
Tobias Pollok: Das ist ja immer eine ganz individuelle Sache. Und natürlich müsste ich hier nun alle Veranstaltungen aufzählen. Ich rate eigentlich jedem, der mich fragt, sich den kompletten Zeitraum vom 25.10. bis zum 15.11. im Kalender rot anzustreichen. Trotzdem eine kleine Sache, die ich persönlich sehr interessant finde: Die „Tagung der Realisten“. Es ist das erste Mal, dass der bekannte und vielfach preisgekrönte Schriftsteller Feridun Zaimoglu seine Malerei in Bremen ausstellt. Die Wenigsten wissen, dass Zaimoglu eigentlich ausgebildeter Maler ist. Und die Ergebnisse sind wirklich sehr sehenswert! Die Ausstellung wird bis zum 13.11. in der GALERIE am schwarzen meer zu sehen sein.

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