Aktuelles


Mi, 07. September 2016

Was wird aus „Wir schaffen das!“?

Diskussionsveranstaltung zur Flüchtlingspolitik

Im Rahmen der 5. Integrationswoche lud der Bremer Rat für Integration am Dienstag, 6. September um 18.30 Uhr in die Stadtteilbibliothek West in Gröpelingen ein. Im Mittelpunkt der Diskussionsveranstaltung stand Bundeskanzlerin Merkels inzwischen zum Slogan avancierter Ausspruch „Wir schaffen das!“. Doch was wird daraus? Sind wir dieser Situation gewachsen? Werden wir nicht überfordert? Wie sieht es mit der öffentlichen Gesundheit aus? Was bedeutet die große Zahl der Kinder, die nicht Deutsch sprechen, für das Bremer Schulsystem? Das Publikum hatte am diesem Abend die Möglichkeit, seine Bedenken und Sorgen bezüglich der Flüchtlingspolitik mit Vertreterinnen und Vertretern der Bremer Politik, des Gesundheitswesens und der Polizei zu diskutieren. „Fragen müssen beantwortet, Sorgen ernst genommen werden. Diese Debatte soll nicht der Gerüchteküche in den sozialen Netzwerken überlassen werden“, so die Moderatorin des Abends, Libuse Cerna.

Auf dem Podium saßen: Dr. Heidemarie Rose (Abteilungsleiterin bei der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport), Dr. Zahra Mohamedzadeh (Gesundheitsamt Bremen), Helmut Kehlenbeck (Bildungsbehörde), Ute Schenkel (Inneres) sowie Frank Schröder (Polizeirevierleiter Gröpelingen).

Ganzes-Podium K
Dr. Heidemarie Rose, Dr. Zahra Mohamedzadeh, Libuse Cerna, Ute Schenkel, Frank Schröder

Wie viele Flüchtlinge kommen derzeit noch nach Bremen?
Ute Schenkel von der Innenbehörde lieferte Zahlen: Durch die Schließung der Balkanroute seien die Zahlen stark zurückgegangen. Kamen im September 2015 noch 2073 Menschen nach Bremen, sind es im Juli nur noch 179 gewesen. Vom 1. Januar 2016 bis heute kamen 2829.

Wie ist die Unterbringungssituation?
Die Bremer Turnhallen sind inzwischen alle wieder geräumt. Größtenteils wurden auch die Zelte aufgelöst, bis auf einen kleinen Rest. Bis Ende dieses Jahres sollen aber auch die bislang noch dort lebenden Menschen in Übergangswohnheimen oder eigenen Wohnungen untergebracht werden. 150 Wohnungen werden monatlich zusammen mit der Gewoba und anderen vermittelt. Vornehmlich in den Bremer Norden, beispielsweise Lüssumer Heide und Blumenthal, wo es viele Leerstände gibt.

Wie ist die Situation in den Notunterkünften?
Es gibt insgesamt rund 150 Einrichtungen in Bremen, die über die Kontaktpolizisten in den Stadtteilen alle miteinander vernetzt sind. „Da musste viel Vertrauensarbeit geleistet werden“, weiß Frank Schröder, Revierleiter in Gröpelingen. Allein die Uniform habe bei vielen Geflüchteten negative Assoziationen geweckt. Doch inzwischen habe man einen guten Draht zu den Bewohnern. In den Einrichtungen passiert darüber hinaus nicht mehr als im übrigen Stadtteil. Ethnische Probleme sind die Ausnahmen. Sexuelle Übergriffe gebe es nach seinem Kenntnisstand nur wenige, allerdings wisse man nicht, wie hoch die Dunkelziffer sei. Deshalb will Bremen nun verstärkt Präventionsarbeit leisten und die Frauen über ihre Rechte aufklären.

Was ist mit den straffällig gewordenen jugendlichen Geflüchteten?
Eine kleine Gruppe von 30 bis 50 jungen Männern (von insgesamt 2170 unbegleiteten Minderjährigen) stellt ein Problem dar. „Hier stößt die Jugendhilfe an ihre Grenzen“, so Heidemarie Rose, zuständig für die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in der senatorischen Behörde. „Wenn man sich näher mit diesen Jugendlichen befasst, sieht man, wie bedürftig sie sind. Aber der gefährdete Jugendliche wird unter bestimmten Bedingungen zum gefährlichen Jugendlichen“, so Rose. Wichtig sei deshalb, dass Gesundheit, Bildung, Polizei und Justiz an einem Strang ziehen. „Einrichtungen wie diese, nach der gerufen wird, sind in der Regel nicht so erfolgreich. Sie machen mehr Probleme, als sie lösen“, so Rose. Deshalb sei es umso wichtiger therapeutische Angebote, Einzelbetreuungen, U-Haft-Vermeidung voranzubringen und die Jugendlichen mit Auflagen in Jugendhilfeeinrichtungen zu stecken.

Wie sieht die gesundheitliche Versorgung aus?
Jeder Ankommende wird zunächst einmal gründlich ärztlich untersucht. 50 Prozent der hier Ankommenden sind bei der Ankunft ganz gesund. 40 Prozent haben Bagatellerkrankungen und 10 % haben schwerwiegende Problematiken.
Die größten gesundheitlichen Probleme der Geflüchteten betreffen die Zähne und unspezifische Schmerzen in Kopf, Rücken, Gelenken. Epidemien sind in Bremen bislang ausgeblieben. „Nicht zuletzt weil wir Präventivmaßnahmen durchführen und beispielsweise im Winter die Menschen in den Notunterkünften gegen Grippe geimpft haben“, so Mohammadzadeh. Jeder Flüchtling habe zudem vom 1. Tag an Zugang zum Gesundheitssystem. „Jeder bekommt eine eigene Gesundheitskarte. Das ist anders als in anderen Bundesländern und kann gar nicht hoch genug geschätzt werden“, so Mohammadzadeh.

Und was ist mit der psychischen Gesundheit?
Bei der Ankunft wird keine ausführliche Anamnese gemacht, die ernste psychische Probleme miteinschließt. „Viele der hier ankommenden Menschen haben auf der Flucht Misshandlungen, Vergewaltigungen und Demütigungen erfahren, die sie traumatisiert haben“, so Mohammadzadeh. Es sei für Bremen ein Glück, dass es refugio, das psychosoziale und psychotherapeutische Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folterüberlebende gäbe. Aber auch das reiche längst nicht mehr. Viele niedergelassene Psychotherapeuten würden gern auch Flüchtlinge behandeln, doch es scheitert an der Kostenübernahme für Dolmetscher. Die Krankenkassen weigern sich bis heute hartnäckig die Kosten zu übernehmen.

Fazit: „Wir machen das, aber wir schaffen nicht alles“, so formuliert Heidemarie Rose ihr Fazit in Anlehnung an das Wort der Kanzlerin. „Dennoch habe ich großes Vertrauen in die gemachte Arbeit und in den Prozess.“

Der Bremer Rat für Integration bei facebook