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Mi, 24. Mai 2017

„Integration ist ein Marathon und wir sind gerade bei Kilometer zehn“

Integrationspolitischer Ratschlag mit Bürgermeister und Sozialsenatorin

Bürgermeister Carsten Sieling und Sozialsenatorin Anja Stahmann waren die Gastgeber des Integrationspolitischen Ratschlags am 24. Mai 2017 (Bremer Integrationstag) im Kaminzimmer des Bremer Rathauses. 65 Aktive aus der professionellen und ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen waren eingeladen, darunter Vertreter des Bremer Rates für Integration (BRI), des Landesnetzwerks Migration, der Wohlfahrtsverbände, des Jobcenters, der Arbeitnehmerverbände. „Dieser gegenseitige Austausch ist eine Tradition, die wir brauchen“, konstatierte Sieling eingangs. „Ich möchte, dass wir weiter für eine Politik stehen, die Menschen in Not hilft und Perspektiven bietet. Dabei haben in den letzten Jahren alle kräftig mitgeholfen.“

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V.l.: Sozialsenatorin Anja Stahmann, Bürgermeister Carsten Sieling, Integrationsbeauftragte Silke Harth

Auch Sozialsenatorin Stahmann dankte den Anwesenden stellvertretend für alle engagierten Bremerinnen und Bremer: „2015 kamen täglich 150 Menschen nach Bremen. Weil wir hier ein gutes Netzwerk haben und uns ausgetauscht haben über Lösungsansätze, konnten wir diese gewaltige Aufgabe stemmen.“ Eine wichtige Säule sei dabei auch das ehrenamtliche Engagement. „Allein im Jahr 2016 haben wir aus dem Integrationsbudget 126 kleine Projekte gefördert.“ Gemeinsames Kochen und Gärtnern oder kleine Feste in der Nachbarschaft seien Angebote ohne große Hürden und eine Einladung zur Begegnung im Quartier.
Darüber hinaus habe man nachhaltige Strukturen geschaffen und in den Stadtteilen viel bewegt. „Wir haben unverzichtbare Sprachkurse finanziert und Angebote im Sport, wir haben für die Bildung und den Arbeitsmarkt Weichen gestellt für ein gutes Zusammenleben. In diesen Anstrengungen dürfen wir nicht nachlassen. Integration ist keine Kurzstrecke, Integration ist ein Marathon. Und wir sind gerade bei Kilometer zehn.“

Perspektiven im Gemeinwesen eröffnen

Bürgermeister Sieling sprach von Etappen: Zunächst sei es das oberste Ziel gewesen 15.000 Menschen in Not ein Dach über dem Kopf zu geben. Die Notunterkünfte habe man inzwischen komplett abbauen können, doch lebten noch 5000 Menschen in Übergangswohnheimen. Auch wenn bisher über 1800 Geflüchtete in eigenen Wohnungen untergebracht werden konnten: „Wir müssen weiter bezahlbaren Wohnraum schaffen.“ Auf diese erste Etappe müsse nun die zweite folgen: „Den Geflüchteten Perspektiven in unserem Gemeinwesen zu eröffnen“, erinnert Sieling an den Koalitionsvertrag. „Es geht dabei etwa um die Schaffung von Schul- und Kindergartenplätzen.“ Knapp 30 mobile Kitas sollen dafür entstehen. „Viele denken dabei an Container, doch diese Bauten haben einen qualitativ hochwertigen Standard, der über die Ausstattung vieler bestehender Kitas hinausgeht“, ist Sieling überzeugt.

Integration in den Arbeitsmarkt

Die größte Herausforderung aber sei die Integration in den Arbeitsmarkt. „Viele wurden in ihren Heimatländern aus dem Berufsleben gerissen und sind interessiert daran, hier Fuß zu fassen“, berichtet die Sozialsenatorin. „Da müssen wir uns die bürokratischen Hürden nochmal kritisch angucken. Ich möchte eine Politik, die auf ‚Ermöglichung‘ und ‚stark machen der Menschen‘ und auf Partizipation angelegt ist.“
Ulrike Brunken, Geschäftsführerin des Paritätischen Bildungswerks, verwies darauf, dass Deutschland ein schwieriges Land sei, was Überregulierung und Bürokratie angehe – gerade auf dem Arbeitsmarkt. „Wir müssen die strukturellen Rahmenbedingungen genauer angucken, wo sie ausgrenzen und verhindern“, forderte sie. „Bei der beruflichen Integration brauchen wir eine Kompetenzfeststellung, Coachings, Wahrnehmung und Anerkennung von mitgebrachten Kompetenzen – auch wenn’s dafür keine Papiere gibt. Der Fokus muss auf Ermöglichung liegen, nicht auf Verhinderung, sonst integrieren wir am Ende in die Sozialsysteme und nicht in den Arbeitsmarkt.“
Während Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände in Bremen, in der Zeitarbeit einen „unkomplizierten Integrationsweg für Geflüchtete“ sah, regte Senatorin Stahmann die Förderung der Selbständigkeit etwa in Form von Mikrokrediten an. „Viele Geflüchtete wollen sich selbständig machen, sei es mit einer Nähstube oder einem Supermarkt. Da fehlt uns noch eine Anlaufstelle.“ Ob die Ermöglichung von Zusatzqualifikationen oder der kreative Umgang mit bereits vorhandenen Qualifikationen, um die Menschen in Beschäftigung zu bringen – Ideen gab es viele.

Anregung eines Arbeitsgipfels

Deshalb regte die Vorsitzende des Bremer Rates für Integration, Libuse Cerna, die Etablierung eines „Arbeitsgipfels“ nach dem Vorbild des „Sprachgipfels“ an. Der Vorschlag wurde vom Bürgermeister sofort aufgegriffen: „Wir brauchen einen Arbeitsgipfel mit Beteiligung der Kammern, der Agentur für Arbeit, des JobCenters, der Unternehmensverbände, dem Arbeitssenator etc. Am besten im Spätsommer oder Frühherbst, damit wir in Bremen etwas voranbringen.“
Die Wortbeiträge der Gäste machten deutlich, dass es in allen Bereichen des Lebens noch viel zu tun gibt, vor allem, was soziale Ungleichheit und Diskriminierung betrifft. „Dies zu überwinden, leisten Sie alle einen wichtigen Beitrag“, so Stahmann.
Die Ideen und Lösungsansätze des Ratschlags gehen jetzt an die zuständigen Ressorts.

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