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Di, 14. November 2017

Nach der Flucht

Ilija Trojanow auf der Abschlussveranstaltung der “globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur”

Am Montag, 13. November, konnten die Veranstalter der „globale°“ auf zehn vielseitige, lebendige Festivaltage zurückblicken. In der Oberen Rathaushalle gab es zur Finissage des „Festivals für grenzüberschreitende Literatur“, wie es sich nennt, eine gleichermaßen humorvolle wie nachdenkliche Lesung mit Ilija Trojanow zum Thema Flucht.
Sehr dicht, zuweilen poetisch und klug reflektierend erzählt Ilija Trojanow in seinem jüngsten Werk „Nach der Flucht“ von seinen eigenen Prägungen. „Man ist das ganze Leben lang Geflüchteter“, sagt er. „Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nicht mehr her.“

Trojanow-Dis
Ilija Trojanow (li.) bei der anschließenden Podiumsdiskussion im Gespräch mit dem Schriftsteller-Kollegen Michael Stavaric

Ihn interessiere vor allem die Nachfluchterfahrung, die existentiellen Brüche – ganz unabhängig vom Herkunftsland. Der Mann mit den vielen Begabungen, Berufen und „Heimaten“ bekannte gleich zu Beginn der Veranstaltung: „Wenn mir das Fremde in unmittelbarer Umgebung ausgeht, werde ich unruhig.“
Trojanow ist Kosmopolit. In Bulgarien geboren und in Kenia aufgewachsen, hat er als Publizist unter anderem in Bombay und Kapstadt gelebt, ehe er 2007 nach Wien zog. In „Nach der Flucht“ berichtet er von den Leiden, Nöten und Verwerfungen genauso wie von den Chancen, Freiheiten und Öffnungen, die eine Flucht mit sich bringt. Und so ist wohl auch die Widmung vorne im Buch zu verstehen: „Meinen Eltern, die mich mit der Flucht beschenkten.“

Kritik an Abschaffung des “Chamisso-Preis”

Auch das ist kein neues Phänomen, sondern bereits Jahrhunderte alt: Exil, Bestrafung und Leid sind schmerzhaft, können aber gleichzeitig Triebfeder und Motor sein. „Viele Autoren haben dadurch zu ihrer literarischen Stimme gefunden“, sagt Ilija Trojanow.
In der anschließenden Diskussion, zusammen mit der Literaturprofessorin Elisabeth Arend und Libuse Cerna, zwei der Organisatorinnen des Festivals, kritisierte der Autor deshalb auch die Abschaffung des Adelbert-von-Chamisso-Preises in diesem Jahr. Seit 1985 zeichnete er das deutschsprachige, bereits publizierte Werk von Autoren aus, die nichtdeutscher Sprachherkunft sind.
Wie wichtig diese neue deutschsprachige Literatur ist, die sich in den letzten 20 Jahren entwickelt hat, zeigt seit nunmehr elf Jahren die „globale°“ auf. „Hier überschreitet Deutsch als Literatursprache Grenzen, dient als Brückenbauer zwischen den Kulturen“, so Arend. Viele der auf der globale° vertretenden Autoren erhielten über diesen Preis der Robert-Bosch-Stiftung eine wichtige Unterstützung. Diese fällt nun weg, mit der Begründung, dass “die interkulturellen Autoren in der Deutschen Literatur angekommen” seien. Das bezweifelt Trojanow: “Wenn das so wäre, dann müsste es für sie möglich sein, alle deutschen Literaturpreise zu gewinnen. Doch hat bislang je einer von ihnen beispielsweise den Büchner-Preis bekommen?”

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