Aktuelles


So, 15. Dezember 2019

„Ein unbekanntes Volk? – Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa“

Im Rahmen des Festivals „Migrant*innentage gegen Ausgrenzung“ im Lagerhaus hatte der Bremer Rat für Integration (BRI) am 12. Dezember zur Podiumsdiskussion in seine Räumlichkeiten und die des EuropaPunkt Bremen in der Carl-Ronningstraße 2 eingeladen. Thema: „Ein unbekanntes Volk? – Zur Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Europa“. Gäste waren Birgit Sippel (NRW) und Joachim Schuster (Bremen) als Mitglieder des EU-Parlaments. Die Diskussion leitete die Vorsitzende des BRI, Libuse Cerna.
Roma sind laut EU die am stärksten diskriminierte Volksgruppe Europas. Zuständig für diese Minderheit und für die Strategie der EU zu diesem Thema ist Birgit Sippel. Für die Integration der Roma hat die EU den Herkunftsländern Fördermittel zur Verfügung gestellt. „Es gab 2010 in Bulgarien, Rumänien, Ungarn Projekte, doch vieles funktionierte in der Praxis nicht“, so Sippel. Die Gelder wurden nicht abgerufen. Denn Roma sind auch in den Herkunftsländern strak diskriminiert und haben aus der Not einer sich über Jahrhunderte hinziehenden brutalen und grausamen Diskriminierungsgeschichte Clan-Strukturen gebildet. Man bliebt unter sich, ist misstrauisch der Mehrheitsgesellschaft gegenüber.

Sippel Cerna2
V.l.: Europaabgeordnete Birgit Sippel (NRW) und die Vorsitzende des BRI, Libuse Cerna

Auch in Bremen leben viele Roma Familien, vor allem aus Bulgarien. Im Alltag kommt es immer wieder zu (kulturellen) Missverständnissen, auch die haben sich über Jahrhunderte aufgebaut.
Welche Lösungsstrategien gibt es, um die Volksgruppe der Roma in Europa besser zu integrieren, ging die Frage an Frau Sippel. Sie berichtete, dass es gerade die Debatte gibt, ob mehr Gelder an die Länder gehen soll, die Roma aufnehmen, weil die Herkunftsländer sie erfahrungsgemäß nicht abrufen. Auch ob die Mittel nicht wie sonst an die Nationalstaaten, sondern gleich an die Kommunen gehen, wo es die Infrastruktur und konkrete Projekte gibt, würde diskutiert.
Die Integration sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, angefangen bei Kindergärten, Schulen und Jugendorganisationen bis hin zur Einbeziehung des Stadtteils, der Nachbarn und der Eltern. Um die Roma zu erreichen, brauche es „Vermittler“ aus der betreffenden Community. Landsleute, die die gleiche Sprache sprechen. Denn es sei wichtig, sie bei der Entwicklung und Durchführung von Projekten mit an Bord zu nehmen, konkrete Hilfe anzubieten, Infos zu geben, für Verständnis zu werben und gleichzeitig Regeln einzufordern.
Beispiel Müll. Da helfe es nur zu gucken: Warum leben da so viele Menschen auf engem Raum? Der Rhythmus des Müllabholens muss erhöht und Infos müssen verteilt werden, wie wir in Deutschland mit Müll umgehen. „In NRW wurde unter Leitung der AWO eine Kommunikationsstruktur vor Ort geschaffen, wo Roma und Nachbarn sich trafen und zusammenkamen“, berichtete Birgit Sippel.
Um Verständnis in der Mehrheitsgesellschaft zu wecken und Vorurteile abzubauen, sei vor allem Aufklärung über die kulturellen und geschichtlichen Hintergründe nötig. Aber auch für die Roma selbst sei es wichtig, ein Geschichtsbewusstsein entwickeln. Während es etwa in Großbritannien den „Gipsy-Day“ gibt, wo alle Schulen sich mit der Herkunft und Kultur der Sinti und Roma auseinandersetzen, ist in Deutschland der 16.12. als „Gedenktag für die Verfolgung und Vernichtung von Sinti und Roma“ fast gänzlich unbekannt. Am 16. Dezember um 19 Uhr findet im Kulturhaus Brodelpott in Walle dazu eine Veranstaltung statt. Auch Libuse Cerna vom BRI kündigte an, sich dieses Themas und dieses Gedenktages annehmen und 2020 zu diesem Thema eine Veranstaltung vorbereiten zu wollen.

Der Bremer Rat für Integration bei facebook