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Mo, 15. Mrz 2021

„Träume vergangener Tage“

Zaher Habib ist seit vier Jahren Mitglied im Bremer Rat für Integration (BRI) und hat nun sein erstes, vom BRI gefördertes Buch geschrieben. „Träume vergangener Tage“ erzählt vom kriegsgeschüttelten Afghanistan, von autoritären gesellschaftlichen Strukturen und einem strengen Islam, der Angst und Schrecken verbreitet. Das Buch erzählt aber auch von den Gefahren der Flucht und den Schwierigkeiten, ein sicheres Land zu erreichen, dort neue Wurzel zu schlagen und ein neues menschenwürdiges Leben zu beginnen. Es ist eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Herr Habib, sie haben an der Universität Bremen Ökonomie studiert und in Ihrem Leben in verschiedenen Bereichen gearbeitet, darunter in der afghanischen Botschaft in Bonn. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Es ergab sich aus meiner Tätigkeit im Bremer Verein „Afghanisch-deutsche Kultur Initiative“. Ziel unseres Vereins ist ein kultureller Austausch zwischen Menschen afghanischer und deutscher Herkunftskultur. Dadurch hatte ich intensiven Kontakt mit Geflüchteten. Ich bin auch als Dolmetscher tätig und komme den Menschen dabei sehr nah und erfahre von ihren Schicksalen.
Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einem Rechtsanwalt, der unter anderem Geflüchtete aus Afghanistan betreute und mich auf das Schicksal einen jungen Mannes aufmerksam machte, der im Sterben lag, und um Hilfe bat. Ich besuchte ihn mehrmals und er erzählte mir seine bewegende Geschichte, bevor er starb. Diese Geschichte habe ich aufgeschrieben.

Wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion stecken in ihrem Buch?
Ich habe mich eng an die Geschichte des Jungen gehalten. Aber natürlich habe ich auch etwas ausgeschmückt. Im Zusammenhang mit den Hintergründen der Flucht habe ich zum Beispiel die Situation in Afghanistan geschildert, die ich als in Afghanistan Geborener sehr gut kenne. Gerade viele Deutsche wissen oft nicht, dass dort seit 40 Jahren ein bitterer Krieg tobt und sich die Lage in den letzten 20 Jahren mit dem Einmarschieren der USA und der NATO eher noch verschlechtert hat, insbesondere nach der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen den USA und den radikal islamischen Taliban.
Jeden Tag sterben viele unschuldige Zivilisten, wenn Anhänger der Taliban, die ihre Ausbildung in Pakistan erhalten haben, in die Menschenmenge sprengen. Außerdem werden täglich ganz gezielt Journalisteninnen, Medienaktivistinnen und Personen des öffentlichen Lebens ermordet. Familien verlieren ihre Söhne und Töchter, sie verlieren ihre Verwandten und ihr Hab und Gut. Es sind menschliche Tragödien und die internationale Gemeinschaft schaut nur zu. In den vergangenen zwanzig Jahren ist es der USA und der NATO nicht gelungen, eine friedliche Lösung für den längsten Krieg der menschlichen Geschichte zu finden.

… und eine dieser Tragödien erleben die Leser*innen in ihrem Buch.
Ja. Ich möchte es den Leser*innen möglich machen, nachzuerleben, was ein Geflüchteter „auf der Spur seiner Träume“ – um es mal poetisch auszudrücken – erlebt hat. „Ali“, der die Geschichte erzählt, hatte den Traum von einer besseren Zukunft, einem besseren Leben und Sicherheit in Deutschland. Für einen Moment war für ihn all dies greifbar nah, doch dann stirbt er in einem Hospiz.

Sie haben lange gezögert, ob sie Ihre Aufzeichnungen als Buch veröffentlichen sollen. Was gab letztlich den Anstoß, es dann doch zu tun?
Viele Menschen in meinem Umfeld haben mir gut zugeredet, es sei eine wichtige Geschichte, die das Verständnis für die Situation Geflüchteter hier in Deutschland und Bremen fördern könne. Mir geht es dabei nicht nur um afghanische Geflüchtete, sondern um alle, die unterwegs sind. Der Weg in ein sicheres Land ist voller Gefahren. Ich wollte für die Aufnahmegesellschaft nachvollziehbar beschreiben, wie schwer es ist, sein Land und seine Familie zu verlassen und Schutz zu suchen – keiner macht das freiwillig oder aus Spaß – und damit für mehr Verständnis für die Situation der hier ankommenden und lebenden Geflüchteten werben.

Hat die Geschichte auch etwas mit ihrer eigenen Biografie zu tun?
Mit meiner Geschichte hat das nichts zu tun. Ich kam 1971 nach Deutschland, um hier zu studieren und ging danach zurück. Als ich und meine Familie dann 1992 Afghanistan verlassen mussten, hatte wir Glück und bekamen ein Visum für Deutschland. Aber ich möchte mit meinem Buch und meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im BRI dazu beitragen, die Situation für Geflüchtete hier in Bremen ein bisschen zu verbessern.

Und werden Sie weiterhin Geschichten, die Ihnen begegnen, aufschreiben?
Jeder Mensch ist ein Buch für sich. So viele Bücher kann man gar nicht schreiben. Momentan arbeite ich aber tatsächlich an einem zweiten Buch. Es ist eigentlich die Fortsetzung des ersten. Es ist die Geschichte des Jungen, der mit dem „Ali“ aus „Träume vergangener Tage“ zusammen nach Deutschland kam. Die beiden haben sich auf ihrer Flucht in der Türkei kennengelernt. Das Buch ist so gut wie fertig und ich möchte es wieder – wenn möglich – im Kellner Verlag veröffentlichen. Dafür bin ich auf der Suche nach finanzieller Unterstützung und hoffe, dass ich die nötigen Mittel dafür zusammen bekomme.

Gibt es Lesungen?
Die erste Lesung war für Februar 2021 geplant. Leider musste sie Corona-bedingt ausfallen. Nun ist sie für den 1. Juni 2021 in der Stadtbibliothek anberaumt. Mal schauen, ob das klappt.

Zaher Habib, Träume vergangener Tage, 208 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro
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