Presseinformationen

Fr, 18.01.2013

Stellungnahme zum Gutachten des Bremerhavener Magistrats

Der Bremer Rat für Integration (BRI) begrüßt die Unterzeichnung des Vertrages zwischen dem Land Bremen und den islamischen Religionsgemeinschaften. Wir freuen uns, dass auf diese Weise der seit vielen Jahren gut funktionierende interreligiöse Dialog weiter vorangetrieben wird. Dieser Vertrag ist ein wichtiger Schritt für das Miteinander aller im Land Bremen lebenden Menschen.

Leider stellen wir aber fest, dass ein vom Bremerhaver Magistrat beauftragtes „Gutachten“ die Unvereinbarkeit von Koran und Grundgesetz nachweisen will. Es ist für uns unverständlich, wie der Bremerhavener Bürgermeister Michael Teiser sich hinter solch ein „Gutachten“ stellen kann. Schließlich weiß er, dass die Verhältnisse der in Bremerhaven lebenden Angehörigen islamischer Gemeinschaften in keiner Weise den Vorurteilen seines in Auftrag gegebenen „Gutachtens“ entsprechen.

Das uns vorliegende Schriftstück weist erhebliche Mängel auf: Die hier vorgetragenen pseudotheologischen Behauptungen basieren auf Standard-Vorurteilen, die weder zeitgemäß sind noch der Realität entsprechen. So vergleicht die „Gutachterin“ den Koran mit dem Grundgesetz. Ein Vergleich, dem, nebenbei gesagt, Bibel und Tora auch nicht standhalten könnten.

Das Gutachten führt aus, dass es Muslimen verboten sei, einen anderen Glauben als den Islam anzunehmen. Muslime würden nicht durch einen rituellen Akt Angehörige ihres Glaubens, sondern seien es durch ihre Geburt. Das stimmt, aber dies ist die Regel aller großen Weltreligionen: Im Judentum ist man jüdisch, wenn die Mutter Jüdin ist und die „Kinder des Abendlandes“ sind christlich geprägt, ob mit Taufe (ritueller Akt) oder ohne.

Auch meint die „Gutachterin“, dass das Bekenntnis der islamischen Religionsgemeinschaften zur Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht „im gleichen Sinne wie unser Grundgesetz“ zu verstehen sei. Der Koran gewähre nur dem Mann das Recht der Mehr-Ehe, Männern und Frauen würden unterschiedliche Rechte und Pflichten zugewiesen. Wir machen darauf aufmerksam, dass die meisten Anhänger der islamischen Religionsgemeinschaften, nämlich die, deren Wurzeln in der Türkei liegen, monogam leben, da dort die Monogamie im Gesetz vorgeschrieben ist. Im Gegensatz zu einem in Deutschland lebenden Christen kann ein türkischer Moslem erst 300 Tage nach seiner Scheidung eine neue Ehe eingehen. Im Fall Mehr-Ehe, würde auch die Bibel einem Vergleich mit dem Grundgesetz nicht standhalten: Im Alten Testament ist durchaus von Polygamie die Rede (vgl. Leviten 18,16 und 20,21 sowie 25,5–10). Darüber hinaus ist die nach unserem Grundgesetz vorgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau auch in der Bibel nirgends zu finden. Und vor allem hat der heilige Stuhl (Vatikan) bis heute eine andere Auffassung von der Gleichberechtigung von Männern und Frauen als im Grundgesetz verankert ist. Diese Diskussion erübrigt sich allein dadurch, dass alle in Deutschland lebenden Menschen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, bezüglich der Ehe den § 1306 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zu respektieren haben.

Wir bedauern es sehr, dass der Bremerhavener Bürgermeister Teiser in der Öffentlichkeit einen Rückschritt in Sachen Integration anstiften möchte. Seine Aussage „Wer vollständig und zu 100 Prozent hinter dem Koran steht, kann nicht vollständig und zu 100 Prozent hinter dem Grundgesetz stehen“ hätte er im Vorfeld überprüfen müssen; entweder intern, innerhalb des Magistrats, oder extern, durch Beratungen mit Theologen oder Angehörigen von Ausländervertretungen bzw. islamischen Religionsgemeinschaften.

Daniel De Olivieira Soares
Bremer Rat für Integration
(AG Bremerhaven)

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