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Do, 14.05.2009

Sprachexperten sehen bei Migrantenkindern große Potentiale

Einen Tag vor dem großen Streik der städtischen Kindergärten, Krippen und Horte (KiTas) in Bremen, lud der Bremer Rat für Integration am Donnerstag, 14. Mai, zur Fachtagung „Sprachförderung im Elementarbereich“ ins DGB-Haus am Bahnhofsplatz ein. Das Anliegen der Organisatorinnen, Irene Baumann, Zarah Azad-Aliabadi und Dr. Ricarda Knabe von der Arbeitsgemeinschaft Bildung des Rates: Pädagogen und Eltern dafür sensibilisieren, welche Potentiale eine bewusste zwei- oder gar mehrsprachige Erziehung birgt. „Wo sonst in der Sprachförderdebatte nur über Defizite der Migrantenkinder gesprochen wird, wollen wir mit der Tagung auf die Möglichkeiten aufmerksam machen und darüber informieren, wie im Lande Bremen der Erwerb der deutschen Sprache gefördert wird“, erklärt Dr. Ricarda Knabe.

„Kinder mit Migrationshintergrund haben die ganz große Chance, zwei Sprachen perfekt zu beherrschen“, so Professor Dr. Katja Francesca Cantone, Expertin für frühkindliche Sprachentwicklung von der Uni Bremen. Und das ohne große Anstrengung. Ein Kapital, das ihnen in ihrem späteren Leben und Beruf einmal nützlich sein könnte. Wichtig sei es vor allem – entgegen der landläufigen Meinung – ,dass die Eltern mit den Kindern zu Hause die Herkunftssprache pflegen. Zum einen, um die emotionale Nähe zu dem Kind zu bewahren, zum anderen, um dem Kind keinen fehlerhaften Input zu geben, falls die Eltern selbst die Sprache nicht perfekt beherrschen. „Ich wollte meinem Sohn, indem ich mit ihm türkisch sprach, eine Identität und damit Selbstbewusstsein vermitteln, denn das ist die Sprache aus dem Land seiner und meiner Herkunft“, erzählt Gonca Efe-Sahantürk, Koordinatorin des Modellprojektes Elternkompass der Bremer VHS. Gleichzeitig aber, so Professor Dr. Katja Francesca Cantone, müsse das Kind auch möglichst früh mit der deutschen Sprache konfrontiert werden, vermittelt durch enge Bezugspersonen wie Spielkameraden oder Erzieherinnen. „Kinder lernen bis zum dritten Lebensjahr Sprachen intuitiv sehr schnell.” Leider würden aber gerade zugewanderte Eltern ihre Kinder erst sehr spät in KiTas und Kindergärten anmelden.

Derzeit haben über die Hälfte der Kinder in den Kindertageseinrichtungen einen Migrationshintergrund. „Diese Zahl legt nahe, dass wir uns verstärkt mit Sprachförderung beschäftigen müssen“, so Rosi Fein, die als Referentin für den Träger KiTa Bremen sprach. Die bisherige Praxis sehe so aus, dass 15 Prozent aller Kinder zusätzlich in Fördergruppen von ausgebildeten Spracherzieherinnen gefördert werden. Doch dieses aditive, also zusätzliche, Förderprogramm allein reiche nicht. Die neue Strategie heißt, da waren sich die Referentinnen Rosi Fein und Dr. Doris Bollinger, zuständig für den Bereich „Tagesbetreuung für Kinder in Einrichtungen und Tagespflege“ bei der Sozialsenatorin einig: „Integrierte Förderung“. „Sie umfasst Sprachförderung von Anfang an, als Querschnittsaufgabe der Elementarpädagogik“, beschreibt Dr. Doris Bollinger. Und das bedeutet in der Praxis: Familien stärker mit einzubeziehen sowie die Erstsprache und die fremden Kulturen zu verstehen und wertzuschätzen. Eine Aufgabe, die interkulturelle Kompetenz von den ErzieherInnen und PädagogInnen erfordert. „Interkulturelle Kompetenz kann man nicht verordnen“, meint Rosi Fein, „aber lernen.“ Bis zur idealen „integrierten Förderung“ im Elementarbereich ist es sicher noch ein weiter Weg, doch legten die auf der Fachtagung am Nachmittag in Workshops und Ausstellungen präsentierten Bremer Projekte von der Elterninitiative „Kinderhaus Kodakistan“ über den „Elternkompass“ bis hin zu einer nachgestellten Sprachförderstunde im Kinder- und Familienzentrum Wasserturm und einer Ausstellung zur Sprachförderung aus dem KiTa-Alltag des Kinder- und Familienzentrum Smidts Park nahe, dass in Bremen viel in Sachen Sprachförderung passiert. Doch dazu bedarf es ErzieherInnen und PädagogInnen, die nicht nur mit ihrem Beruf, sondern auch mit den Arbeitsbedingungen zufrieden sind – und dafür kämpfen sie noch. Ab dem 15. Mai in Bremen und ab dem 18. Mai bundesweit und unbefristet.

Ansprechpartnerin und Organisatorin: Dr. Ricarda Knabe, Tel.: 0421/77 8 55

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